Predigt über 1. Korinther 3, 9-15

Lektorin Anne Söhn
Anne Söhn
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Sonntag, den 10. August 08
"Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus.
Liebe Gemeinde,
wer schon einmal auf einer Baustelle zu tun hatte, weiß, dass es hier manchmal ordentlich zur Sache geht. Jeder will mitreden: Architekt, Eigentümer, Statiker und Handwerker. Alle haben ihre Vorstellungen, wie schnell, womit und wie gebaut werden soll. Es geht um Termine und Material, um Stabilität und Aussehen. Und wenn dann etwas schief geht, dann schiebt gern einer dem anderen die Verantwortung zu.
Auf eine »Baustelle« der besonderen Art nimmt uns der heutige Predigttext mit. In der christlichen Gemeinde in Korinth hatten sich verschiedene Lager gebildet, angeführt von besonderen Persönlichkeiten. Jedes Lager beanspruchte für sich, die richtige Art Gemeinde zu bauen. Ein Riss ging durch die Gemeinde. Nicht mehr das Evangelium von Jesus Christus stand im Mittelpunkt, sondern Personen. Und ihr Wort galt als Maßstab der Wahrheit.
Paulus hört davon und schreibt an diese zerstrittene Gemeinde. Dieser Abschnitt aus dem 1. Korintherbrief, Kapitel 3, 9–15, ist unser heutiger Predigttext.
– Lesung des Textes –
Liebe Gemeinde,
Paulus möchte die Christen in Korinth wieder zusammenführen und er möchte sie zur Grundlage ihres Glaubens zurückbringen.
Dazu redet er in einem anschaulichen Bild, dem des Bauens, und er erinnert an drei Dinge:
- an den Bauherren,
- an das Fundament des Baus und
- an die Bauabnahme.
I. Da ist also zum ersten der Bauherr,
das ist kein geringerer als Gott selbst. Er ist es, der seine Gemeinde baut und nicht etwa Paulus oder andere Persönlichkeiten seiner Zeit wie Apollos oder Petrus. Sie alle sind „Werkzeuge“, Menschen, die Gott in Anspruch genommen hat für sein Werk. So sagt Paulus einige Verse vorher
(1) »Wir sind Diener Gottes, durch die ihr zum Glauben gekommen seid«
.
Und doch sind diese Werkzeuge etwas ganz Entscheidendes. Denken Sie zum Beispiel an einen Garten: So wenig wie wir dort „bewirken können“, dass etwas wächst, wird auch kein schönes Blumenbeet einfach so ohne unser Zutun heranwachsen. Wir sind das Werkzeug, das das Gedeihen sozusagen fördert. So ist Gott zwar der Bauherr, aber er möchte uns zu seinen „Mitarbeitern“ machen, und das schon seit der Erschaffung des Menschen, bei der er den Menschen in den Garten Eden einsetzte, auf dass er ihn bebaute und bewahrte (1. Mose, 2,15). Wir alle sind Gottes Mitarbeiter, sozusagen »Handlanger« auf seiner Baustelle. Wir alle: Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten; Menschen, die sich einbringen in den Kirchengemeinden, die Verantwortung übernehmen, mitdenken, mitplanen, mitbeten. Und selbst wenn wir als Werkzeug – menschlich gesprochen – noch so kümmerlich und scheinbar unbrauchbar sein mögen, so kann und möchte Gott dennoch etwas mit uns anfangen und uns gebrauchen.
Wichtig ist nur, dass wir dabei unseren Status als „Werkzeuge“ nicht vergessen. Das beste Werkzeug ist nämlich nichts außerhalb der Hand desjenigen, der es auch benutzen kann. Wir sind ohnmächtig und erfolglos in unseren Bemühungen, wenn uns nicht die Gnade Gottes geschenkt ist, wenn nicht
er uns als seine Werkzeuge benützt. Auch Paulus betont, dass es diese Gnade Gottes ist, die uns geschenkt sein muss, damit wir überhaupt etwas bewirken können. Er sagt: »Ich nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe den Grund gelegt als ein weiser Baumeister«. Gottes Gnade war es also, die ihn befähigt hat, die geistlichen Grundlagen für die Gemeinden in Kleinasien, Mazedonien und Griechenland zu legen. Aber es war nicht Paulus selbst, der diese Grundlage „entworfen“ hatte, er „legte“ sie nur. Das ist ein wichtiger Unterschied. Der Bauherr ist und bleibt Gott. Paulus was nur sein Werkzeug.
Worin besteht nun diese Grundlage, dieses Fundament? Das ist der zweite Punkt.
(II.) Das Fundament
Einen anderen Grund kann niemand legen, als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus (3).
Als Paulus die Gemeinde in Korinth gründete, war der bloße „Anfang“ der Gemeinde nicht ihr eigentliches Fundament. Der Grundstein auf dem die Gemeinde ruht, ist vielmehr Jesus Christus, und zwar nicht die Lehre von Jesus Christus, sondern Jesus selbst, der Gekreuzigte und der Auferstandene in Person. Dieses Fundament konnte Paulus gar nicht selbst legen, sondern nur Gott selbst, der veranlasste, dass sein Sohn Jesus Mensch wurde.
Dieses Fundament steht unverrückbar fest. Auf ihm galt und gilt es nun die Gemeinde Gottes zu bauen, genauer gesagt: weiterzubauen. Denn schon auf dem Fundament, das Paulus in Korinth gelegt hatte, bauten später andere auf. Das ist bis heute so.
Das, was gebaut wird, auch das ist keine bloße Lehre, keine Theorie, sondern da sind „lebendige Steine“ am Werk. Es ist eine Fülle von Personen und jede Christin und jeder Christ ist mit seinen Gaben an diesem Bau beteiligt. Doch für all diese lebendigen Steine gilt, dass sie nicht „Kirche bauen“, sondern nur an ihr „weiterbauen“.
»Nur« weiterzubauen, liebe Gemeinde, ist das nicht sehr entlastend? Gar nicht für das ganze Bauwerk verantwortlich zu sein, sondern nur für die Gestaltung eines Zimmers oder gar nur für die Wandfarbe? Und zu wissen, dass der
Bauherr, nämlich Gott selbst, einen Plan, ein tragendes Fundament für sein Bauwerk hat? Dieses Fundament ist Jesus Christus, sein Leben, seine Worte und Taten, sein Tod und seine Auferstehung. Dieses Fundament, Jesus Christus, gibt dem Bauwerk seine Stabilität und Richtung.
»Nur« weiterzubauen, liebe Gemeinde: Kann uns das nicht auch bescheiden und gelassen machen? So gelassen, dass kein neidisches Schielen auf die Nachbargemeinde mehr nötig ist, auch wenn dort die Jugendarbeit vielleicht gerade aufblüht, oder die Zahl der Gottesdienstteilnehmer steigt?
Alle stehen doch im Dienst desselben Bauherren, im Dienste Gottes. Und alle bauen – wie schon Christen vor uns und nach uns – an ihrem jeweiligen Platz und mit den gegebenen Fähigkeiten am Haus Gottes weiter.
Das heißt aber nicht, dass wir einfach drauflos bauen sollen, nach dem Motto »Alles ist erlaubt, wenn nur das Bauwerk größer wird«. Sondern dieses Fundament bedeutet auch eine Verantwortung. Das Fundament bestimmt die Richtung des Weiterbaus und wir stehen in der Verantwortung, dass in dieser Richtung, im Sinne Jesu Christi weitergebaut gebaut wird. Paulus ruft zwar zur Gelassenheit, aber eben nicht zur Beliebigkeit auf. Damit kommen wir zum dritten Punkt, zur Bauabnahme.
III. Bauabnahme
Wie auf einer gewöhnlichen Baustelle, kann man auch beim Gemeindebau mit unterschiedlichen Materialien arbeiten. Paulus beschreibt zwei Klassen von Baumaterialien, wobei er sie im Hinblick auf ihre Feuerfestigkeit einteilt. Warum er ausgerechnet dieses Kriterium wählt, werden wir gleich sehen.
Man kann laut Paulus mit Gold, Silber und Edelsteinen oder mit Holz, Heu und Stroh bauen. Letztere können in großen Mengen eingesetzt werden, aber einem Feuer halten sie nicht stand. Für Paulus stehen diese Materialien für oberflächlichen Aktionismus ohne Wert für die Ewigkeit. Es sind sicher keine schlechten Baumaterialien für ein gewöhnliches Haus, schon gar nicht ökologisch gesehen. Aber gemessen an ihrer Feuerfestigkeit handelt es sich nicht um haltbare Materialien.
Demgegenüber stehen Gold, Silber und Edelsteine als besonders wertvolle und wesentlich seltenere Materialien. Natürlich käme niemand auf die Idee, damit ein Haus zu bauen. Häuser dieser Art werden wir erst im himmlischen Jerusalem sehen. Aber bezogen auf ihre Feuerfestigkeit, um die es Paulus hier geht, sind Edelsteine, Gold und Silber außerordentlich beständig. Ja, Diamanten entstehen sogar erst bei hohen Temperaturen und starkem Druck und Edelmetalle werden durch Hitze geläutert, also gereinigt und weiter veredelt. Diese Materialien stehen für einen hingebungsvollen Dienst am Aufbau der Gemeinde – mit bleibendem Wert für die Ewigkeit. So zu bauen kostet ein Mehrfaches. Mehr Orientierung am Willen Gottes. Mehr Ringen im Gebet um Weisheit und Liebe. Mehr Zeit und Geduld miteinander. Der Preis dafür ist hoch. Er bedeutet mehr Opfer in materieller Weise. Weniger sichtbarer Erfolg. Weniger Anerkennung durch die Welt. Weniger eigene Ehre.
Die Qualität des verwendeten Materials wird sich erst in der Bauabnahme erweisen. Damit ist die Wiederkunft unseres Herrn Jesus Christus gemeint, bei der wie es heißt „das Werk eines jeden offenbar werden“ wird. Alle unsere Werke werden dann einer Feuerprobe standhalten müssen. Und jetzt wird auch deutlich, warum Paulus solchen Wert auf die Feuerfestigkeit der Baumaterialien legt. „Holz, Heu und Stroh“ werden verbrennen. Nur „Gold, Silber und Edelsteine“ halten das Feuer aus und bleiben bestehen. Was bei unserem Bau Bestand haben wird für die Ewigkeit und was in Schutt und Asche verfallen muss, das steht nicht in unserem Ermessen. Gott allein wird einmal darüber richten.
Und wenn das Werk von jemandem bestehen bleibt, wird er „Lohn empfangen“. Er wird die herrliche Freude haben, Menschen zu sehen, die durch seinen Dienst errettet wurden und nun vor dem Angesicht Jesu stehen und er wird das Lob Gottes empfangen. Es wird so ähnlich sein wie es Jesus im Gleichnis von den anvertrauten Zentnern erzählt. Wir haben es vorhin in der Schriftlesung gehört. Dort sagt der Herr zu seinen treuen Dienern: »Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!« (Matthäus 25, 19)
Aber es stellt sich die Frage: Was ist mit den anderen? Paulus schreibt: „Wird jemandes Werk verbrennen, wird er Schaden leiden“. Was heißt das? Es geht hier um Menschen, die ungenügend und wertlos gebaut haben. Oft sind das aber Menschen, die sich redlich bemüht haben. Und wir wissen alle, wie schmerzlich es ist, wenn etwas, um das man sich sehr bemüht hat, keinen Bestand hat. Eine Freundschaft, in die man viel investiert hat, vielleicht eine Ehe, vielleicht die Erziehung der Kinder, die sich ins Gegenteil verkehrt hat, ein Eigenheim, das durch Arbeitslosigkeit oder Krankheit nicht länger zu halten ist und so vieles mehr. Und so wird es jeden schmerzhaft treffen, dessen Lebenswerk verbrennt, dem die Vergeblichkeit seiner Lebensarbeit vor Augen geführt wird. Diese Menschen meinten es gut, aber sie waren nicht mit ihrem ganzen Herzen dabei oder haben sich an anderen Bauplänen orientiert.
Das ist dann wohl Strafe und Schaden genug. Wichtig ist aber, dass bei diesem Feuergericht der Werke von Christen nicht um Leben und Tod geht, so wie beim Jüngsten Gericht. Und im Übrigen können wir selbst bei der Frage um Leben und Tod unser Heil nicht durch unsere Werke verdienen, sondern wir sind allein aus Gnade gerettet. Und so gilt auch für die Beurteilung unserer Werke, dass selbst dann, wenn das ganze Lebenswerk eines Menschen verbrennt, der Mensch nicht mit seinem Werk verloren geht.
»Er selbst wird gerettet werden, so wie durchs Feuer hindurch«(5). Wir können gar nicht mit so viel Stroh bauen, dass wir unser Heil dadurch verwirken könnten. Und doch, solch ein Mensch wird gerettet werden „wie durchs Feuer hindurch“. Wie einem Menschen, der aus einem brennenden Haus nur sein nacktes Leben retten kann, so wird es einem Mitarbeiter gehen, der nur minderwertig gebaut hat.
Wir alle sind als Diener und Mitarbeiter nicht davor bewahrt, trotz Eifer und ernst gemeintem Bemühen in unseren Gemeinden etwas zu bewirken, was keinen Bestand haben wird. Darum müssen wir selbst immer wieder unsere Baumaterialien, sprich unser Vorgehen, unseren Einsatz überprüfen. Wir müssen uns fragen, was wir zum Maß aller Dinge für unser Tun machen. Wir müssen uns fragen, wo wir uns verleiten lassen von menschlicher Weisheit, nebensächlichen Ideen, einer augenblicklichen Begeisterung, einem kurzfristigen Erfolg oder der allgemeinen Zustimmung.
Aber woran sollen wir uns dann orientieren? Es gibt kein besseres Maß für unser Tun als das Fundament. Alles, was sich nicht buchstäblich auf Jesus Christus gründet, was nicht sein Wort, seinen Willen, sein Heil meint, alles, was wir nicht im Licht der Ewigkeit Gottes angehen, das hat keinen Bestand. Doch wenn wir bewusst auf diesem Fundament aufbauen, d.h. wenn wir versuchen, unser Leben, unsere Mitmenschen, unsere Zeit mit Jesu Augen zu sehen und so zu handeln, wie er es vermutlich getan hätte, dann dürfen wir wissen, dass dieses Fundament in Zeit und Ewigkeit trägt - auch dann, wenn alles andere wankt und zerbricht. Deshalb lassen Sie uns fröhlich und zuversichtlich ans Werk gehen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.""