
Pfr. Isert
Hermann Isert
Pfarrer i. R.
Kontakt Tel.: 07473-27 30 99
Sonntag, den 17. Aug. 2008
Liebe Gemeinde!
In der christlichen Urgemeinde in Jerusalem gab’s Ärger: zwischen hebräisch/aramäisch sprechenden Judenchristen und griechisch sprechenden Judenchristen. Die Witwen der griechischen Judenchristen fühlten sich immer mehr bei der täglichen Armenspeisung übergangen. Die Hebräer: das waren die einheimischen, ortsansässigen Judenchristen. Die Griechen: das waren die zugereisten Judenchristen, zugereist aus dem großen römischen Reich nach Jerusalem, dem zentralen jüdischen Wallfahrtsort und Altersitz vieler Menschen mit jüdischer Herkunft.
Da hieß es doch immer, in der ersten Gemeinde seien alle ein Herz und eine Seele gewesen, hätten einmütig gebetet und alles miteinander geteilt. Wer aber aufmerksam zwischen den Zeilen liest, der merkt, daß es bei den ersten Christen genau so menschlich, so schön und so häßlich zuging wie anderswo.
In der Tat war in der christlichen Urgemeinde ein schwelendes Zerwürfnis am Werk zwischen hebräischen und griechischen Judenchristen, das langsam wie ein Gewitter heraufzog und sich schließlich furchtbar entlud: in der Hinrichtung eines Gemeindeglieds durch die jüdische Behörde vor Ort und in der panischen Flucht der griechisch sprechenden Gemeinde aus Jerusalem. Die andere Hälfte der Gemeinde, die Hebräer, darunter die 12 Apostel, blieben, weil sie nichts von den Juden zu befürchten hatten. Was ist mir das für eine Solidarität zwischen den beiden Gemeindeteilen, die sich so vom Gegner aufspalten lassen? Aber da gab es schon vorher Risse im christlichen Haus.
Dabei hatte alles so schön angefangen. Nicht wenige der griechischen Judenchristen hatten in Jerusalem zum ersten Mal von dem Messias Jesus gehört und sich der hebräisch-christlichen Gemeinde angeschlossen. Aus aller Herren Länder kamen sie, wie uns die Pfingstgeschichte erzählt.
So schön es war, daß die Gemeinde wuchs, so wuchs doch auch die Unüberschaubarkeit der Gemeinde. Dabei wurden zuerst die Schwächsten, die Witwen, übersehen. Die zwölf Apostel kamen mit Versorgen nicht mehr nach. Darüber wurden die Spannungen in der Gemeinde so stark, daß eine Versammlung der ganzen Gemeinde einberufen wurde zur Klärung der Probleme. So einigte man sich: die Apostel, die Hebräer, waren für den Wortdienst zuständig, also für Verkündigung und Gebet; - für den Tischdienst, also für Versorgung der Witwen, wurden sieben griechische Judenchristen gewählt.
Diese Aufteilung ist mehr als seltsam und befremdlich. Soll das heißen: Die vom Wortdienst reden, die vom Tischdienst arbeiten. Soll das heißen: Die einen predigen, und die anderen machen die Drecksarbeit, schlagen sich mit den Leuten und ihren Übeln herum, decken und putzen die Tische und wer weiß sonst noch was und spülen das Geschirr? Die einen sind für die Verbreitung des Glaubens zuständig, die anderen für die Verbreitung der praktischen Nächstenliebe. Aber kann man so etwas überhaupt auseinanderreißen?
Und überhaupt: Ist gelebte Liebe und Hilfe nicht genauso eine Predigt von Gott wie die Sonntags-Predigt? Ja, ist es nicht sogar so, daß die Leute die Sprache der erfahrenen Hilfe viel besser verstehen als unter Umständen die Predigtsprache? Denn die Sprache der Liebe versteht man nicht nur mit dem Ohr, sondern mit dem ganzen Körper. Der Herr der Kirche war beides zugleich: Glaubender u n d Liebender,
Wort-Dienstler u n d Tisch-Dienstler,
Herr u n d Diener, uns zu Diensten bis zum Tod.
An ihm wollen wir uns orientieren.
Wie ging es dann weiter in der Jerusalemer Urgemeinde nach dieser Vollversammlung? Nach Lukas lief alles bestens: das Wort Gottes wuchs, die Zahl der Jünger nahm gewaltig zu.
Die Ereignisse um die Witwen und um den Diakon Stefanus weisen freilich versteckt darauf hin, daß das Grollen zwischen griechisch-sprechenden und hebräisch-sprechenden Judenchristen in der Urgemeinde weitaus heftiger war als nur das Murren wegen mangelnder Versorgung. Die war nur das Symptom für eine tiefer liegende Uneinigkeit.
Diese Uneinigkeit rührt davon her, daß vor allem die hebräischen Judenchristen mitsamt den 12 Aposteln sich dem jüdischen Tempel und dem jüdischen Gesetz viel strenger verpflichtet wussten als die ausländischen Judenchristen, von denen Stefanus einer war. In der Nähe oder Ferne zu Gesetz und Tempel steckt der Keim des Gemeinde-Streits.
In der Anfangszeit der christlichen Gemeinde gab es noch keine strikte Trennung zwischen Tempel und Kirche, zwischen Syna-goge und christlichem Gottesdienst, zwischen jüdischem Gesetz und dem Gesetz Christi. Die ersten Christen waren eigentlich noch eine jüdische Glaubensgemeinschaft, die selbstverständlich zum Beten in den Tempel und in die Synagoge ging und die jüdischen Reinheitsvorschriften und sonstigen Vorschriften ein-hielt. Deswegen wurden sie von der jüdischen Glaubensgemein-schaft überhaupt geduldet und auch später nicht verfolgt, im Gegensatz zu den griechischen Judenchristen.
In der Öffentlichkeit waren die ersten Christen noch Juden, im privaten Bereich, innerhalb der eigenen vier Wände war man Christ. In privaten Häusern traf man sich zu Hauskreisen und hielt die Erinnerung an Jesus Christus wach. Täglich feierte man das Herrenmahl. Solange dieses Feiern wie bei einer Unter-grundkirche im Verborgenen blieb, war das für die jüdischen Behörden kein Anlaß zu öffentlichem Ärgernis.
Das änderte sich vor allem mit den griechischen Judenchristen. Sie hatten eine andere Auffassung von Tempel und Gesetz, und die vertraten sie öffentlich, wie man an den Streitgesprächen des Stefanus mit Vertretern der verschiedenen Synagogen sieht. Durch die Öffentlichkeit aber brach der Konflikt mit der jüdi-schen Religionsgemeinschaft aus, der auch zu starken Spann-ungen innerhalb der Gemeinde führte.
Stefanus wurde von den jüdischen Behörden wegen Gottesläster-ung vor Gericht gestellt. Der Evangelist Lukas sieht hier eine Verleumdungskampagne gegen Stefanus am Werk. Bestimmt hat Stefanus niemanden gelästert, aber aller Wahrscheinlichkeit nach hat er sich doch kritisch gegenüber Tempel und Gesetz geäußert, ähnlich wie später Paulus, und dies wurde ihm als Lästerung ausgelegt.
Für Stefanus ist Jesus Christus der neue, endgültige Tempel. Dadurch erübrigt sich für ihn der bisherige Tempel. Man braucht ihn nicht mehr. Was man nicht braucht, kann man auch abreißen. Damit knüpft Stefanus genau an das Tempelwort Jesu an, der ja auch vom Abreißen eines alten und vom Aufbauen eines neuen Tempels sprach. Wir verstehen: Das ging weit über jüdische Schmerzgrenzen hinaus.
Dieser neue Tempel Christus ist nun aber nicht irgend ein neuer, zusätzlicher Tempel, sondern grundsätzlich anders als alle ander-en Tempel. Erinnern wir uns: Tempel sind Opferstätten: da bringt der Mensch der Gottheit Opfer dar; so auch im jüdischen Tempel.
Im Christus-Tempel dagegen ist es genau umgekehrt: da bringt die Gottheit den Menschen Opfer dar. Ja, noch heftiger: Im Christus-Tempel bringt Gott sich selbst den Menschen zum Opfer dar. Noch krasser: im Christus-Ttempel kniet nicht mehr der Mensch vor Gott, wie das jahrtausendelang selbstverständlich war und heute immer noch geschieht, - sondern da kniet Gott vor dem Menschen und wäscht ihm die Füße. ER wird ein Knecht und ich ein Herr: Na! Das mag ein Wechsel sein!
Das ist totale Umdrehung in der Tempel- und Religionsge-schichte, die weder die 12 Apostel damals voll geblickt haben, noch wir heute. Wen wundert da noch jüdischer Zorn und Zähnegeknirsche?
Auch die Bedeutung des Altars, der hier in der Kirche steht, hat sich seit Jesus Christus völlig geändert. Der Altar ist ein Opfer-altar geblieben, doch nicht auf dem der Mensch Gott opfert, sondern auf dem Gott sich dem Menschen opfert. Deswegen steht auf dem Altar das Kreuz, damit klar ist, wer hier wem sich opfert. Wen wundert es, daß die Juden dies als Angriff auf ihre Opfergesetze und ihre Opferpraxis verstanden.
Auch was man unter G o t t e s d i e n s t versteht, hat sich seit-her völlig gewandelt. Gottesdienst ist nicht mehr der Dienst, mit dem wir Gott dienen. Gottesdienst ist seither der Dienst, mit dem Gott uns dient.
Auch unter Religion verstehen wir seither etwas völlig Neues. Religiös sind wir und selig werden wir, nicht indem wir Gott geben, wie das Gesetz es befiehlt. Selig werden wir, indem wir nehmen: indem wir das Opfer Gottes annehmen und uns Gottes Hingabe und Freundlichkeit gefallen lassen. Dann werden wir selber freundlich. Nehmen ist seliger als geben!
Wer jetzt noch geben will, der darf das gerne tun, doch nicht mehr Gott, - dem gehört eh alles - sondern seinem bedürftigen Nachbarn. Geben aber macht nicht selig, sondern Nehmen: das Annehmen des gebenden Gottes.
Wer jetzt noch opfern will, der darf das gerne tun, doch nicht Gott opfern - der braucht nichts - sondern dem, der es braucht. Opfern aber macht nicht selig. Gottes Opfer und Hingabe anneh-men macht selig.
Und wer jetzt dienen will, der darf das gerne tun, doch nicht Gott dienen, - denn Er ist der Diener und du bist der Herr - sondern seinem bedürftigen Nächsten dienen. Dienen aber macht nicht selig vor Gott. Sich von Gott bedienen lassen macht selig.
Dies alles steckt in dem Tempelwort des Jesus und des Stefanus, zu gewaltig und revolutionär für jüdische Ohren und wohl auch für die meisten christlichen Ohren, damals und heute. Wen wun--dert es, daß die Juden Stefanus steinigten und daß die Einheit der christlichen Gemeinde zerbrach. So radikal anders hatte man sich den Christus-Tempel doch nicht vorgestellt.Die eine Hälfte der Gemeinde, die Hebräer, blieb im Schatten des jüdischen Tempels, die andere Hälfte, die griechischen Judenchristen flohen.
Doch was mit einer Katastrophe begann, entwickelte sich zum Segen. Denn mit der Flucht, mit der Lossage vom Jerusalemer Tempel, beginnt die Mission unter den Heiden: bis nach Nehren und weiter. Und es fängt an sich das Wort Jesu zu erfüllen: Ihr werdet meine Zeugen sein bis an die Enden der Erde! Unsere Aufgabe heute ist es, den Staffettenstab des Stefanus in unsere Zeit hineinzutragen, ein jeder an dem Ort, wo Gott ihn hingestellt hat.
Amen.