Predigt über Lukas 21, 25-33

Pfr. Joachim Bayer
Joachim Bayer
Dipl. Theol. in Tübingen
Sonntag, 07. Dez. 2008
Liebe Gemeinde,
Advent!!!
Advent – die Zeit der Ankunft, Ankunftszeit!
Ja, - liebe Gemeinde-, was kommt denn da so an? Der Weihnachtsmann, die Weihnachtsbonuszahlung oder das kollektiv begangene „Fest der Liebe“?
So wie es scheint, kommt vor allem nur Eines, nämlich das Ende!
Advent! - Das Ende kommt. Es ist kurz vor Zwölf!
Zumindest der Predigttext auf den heutigen Sonntag spricht eine deutliche Sprache, eine Sprache, die von Anzeichen des Endes, von apokalyptischen Ereignissen und Vorboten des Jüngsten Gerichtes spricht.
Es ist eine Sprache, für die das Christentum berühmt, ja in den vergangenen zweihundert Jahren schon eher berüchtigt geworden und zunehmend wohl eher belächelt worden ist.
Wer erinnert sich nicht an diverse Sekten, an die Prediger des Untergangs, die an Sylvester 1999, kurz vor dem Millennium Hochkonjunktur hatten. In der „guten alten Zeit“ 1000 Jahre zuvor, im Frühmittelalter im Jahr 999 war es übrigens mindestens ebenso.
So wurden die Propheten des Untergangs in ihrer „Dezemberstimmung“ allerdings allesamt immer wieder von dem darauffolgenden Mai Lügen gestraft: Wie es in einem Lied hieß: „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei, auf jeden Dezember folgt wieder ein Mai“.
Dennoch: Der Predigttext auf den heutigen Sonntag stößt in dieselbe Posaune, in die Posaune, die Ende und Schrecken, Angst und Untergang in apokalyptischen Ausmaßen verkünden will.
Der Predigttext des heutigen Sonntages
steht im Evangelium nach Lukas, Kapitel 21, die Verse 25-33:
25) „Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres,
26) und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen,
27) Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit.
28) Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann steht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.
29) Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an:
30) wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wißt ihr selber, daß jetzt der Sommer nahe ist.
31) So auch ihr: wenn ihr seht, daß dies alles geschieht, so wißt, daß das Reich Gottes nahe ist.
32) Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht.
33) Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht.“
Der Klang der Posaune schwebt noch im Raum:
Ende und Schrecken, Angst und Untergang, astrale Anomalien, maritime Katastrophen, ja kurz „die Kräfte der Himmel werden ins Wanken“ geraten, der blaue Planet Erde taucht in die rote Sonne ein und wir, „die Menschen“ – so heißt es – „werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge die kommen sollen über die ganze Erde.“
Wäre der Predigttext das Radio, würde ich spätestens jetzt den Sender wechseln!
Warum hören wir uns so etwas eigentlich an? Haben wir nicht genug Schwierigkeiten mit unseren kleinen Apokalypsen, etwa der Offenbarung der verlorenen Arbeit, der Offenbarung der verlorenen Gesundheit, der Offenbarung der verlorenen Gemeinschaft mit geliebten Menschen? Wollen wir nicht mit Recht den anderen – hoffentlich – noch guten Teil unseres Lebens ungestört – in vorweihnachtlicher Stimmung genießen?
Warum sollten wir uns so etwas anhören?
Drei Gründe fallen mir ein, warum wir uns diese Posaunenklänge dennoch anhören sollten:
- Erstens um realistisch zu bleiben,
- zweitens um diesen Realismus nicht mit Zynismus zu verwechseln und
- drittens als Ausdruck der Hoffnung, „die in uns ist“ (1. Petr 3,15).
Zum ersten
sollte man sich solche apokalyptischen Posaunenklänge anhören, um realistisch zu bleiben:
Der Predigttext verkündigt das, was man selber „realistisch“ wahrnehmen kann, er beschreibt das, was jeder einzelne von uns tagtäglich in den Nachrichten zu hören bekommt: Umweltkatastrophen, Dürren, Überschwemmungen, Seuchen und Epidemien, dazu Kriege, Gewalt und völkerwanderungsähnliche Zustände von Süd nach Nord, der jähe Zusammenbruch des kapitalistischen Weltwirtschaftssystems, zerstörte Börsen- und Finanzmärkte, Geldentwertung und Rezession. Und spätestens die „Klimaveränderung“, die Polkappenabschmelzung und die düster gezeichneten Zukunftsszenarien sind die Realitäten an die uns der Predigttext denken lässt:
25) „Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres,
26) und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen.“
Der Evangelist Lukas schrieb diese Worte im Angesicht der Folgen des römisch-jüdischen Krieges in den Jahren 66-70 n. Chr.: Jerusalem wurde zerstört, der Tempel und das Allerheiligste wurden bis auf die - noch heute von diesem apokalyptischen Abschlachten zeugende - Klagemauer in Schutt und Asche gelegt.
Der Realismus, den der Predigttext uns zu hören gibt, ist also das, was wir, unsere Gesellschaft, aber auch unsere Vorfahren etwa in der Zeit der Pest im Mittelalter, im Dreißigjährigen Krieg der frühen Neuzeit oder während der beiden Weltkriege im vergangenen Jahrhundert erleben mussten. Es ist aber auch der Realismus, der die Veränderungen in der Geschichte dieser Erde ernstnimmt: etwa die – für die jeweils Lebenden apokalyptischen - Wechsel der Erdzeitalter von wärmeren zu kälteren Perioden einer neuen Eiszeit.
Zuletzt – für den einzelnen aber am bedrängendsten – ist es der Realismus in Bezug auf das je eigene Leben, in dem „die Kräfte der Himmel“, also der Firmamente, der Begrenzungen und Orientierungspunkte unseres Lebens ins Wanken geraten: Erfahrene Lieblosigkeit, gefühlte Bedeutungslosigkeit, Verluste, Traurigkeit, Einsamkeit, Krankheit, Altern, und Sterben bewirken bei jedem von uns, das, was der Predigttext realistisch mit „bangewerden“, „verzagen“ und „fürchten“ umschreibt.
Angesichts dieser Ereignisse in der Geschichte der Erde, der Geschichte der Menschheit und in unserer Lebensgeschichte ist es wohl realistisch mit dem Predigttext „die Zeichen der Zeit“ wahrzunehmen, die Ende und Schrecken, Angst und Untergang in apokalyptischen Ausmaßen verkünden.
Die Apokalypse ist also zum einen etwas Fürchterliches, etwas durch und durch Negatives.
Zum anderen ist die Apokalypse nichts Kommendes, sondern zu allererst die angekommene tagtäglich erlebte und erlebbare „Hölle auf Erden“. Es ist gewissermaßen der Advent der Apokalypse.
Wenn man die Realität von Furcht, Angst und Schrecken auch außerhalb der Kirche zu hören bekommt, warum sollte wir uns dann auch noch in der Kirche so einen Predigttext anhören?
Zum zweiten sollte man sich deshalb solche apokalyptischen Posaunenklänge anhören, um diesen Realismus nicht mit Zynismus zu verwechseln.
Wenn diese gerade beschriebene „Hölle auf Erden“ so realistisch ist, dann ist eine zynische, nämlich selbstgenügsame wie spöttelnde Grundhaltung im Leben auf den ersten Blick die angebrachteste. Zumindest kein geringerer als der Apostel Paulus schreibt uns im 1. Korintherbrief diese Lebensmaxime ins Gewissen: „ Wenn unser „Blick“ allein dem Realismus „dieses Lebens“ gilt, dann „lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot!“ (1.Kor 15, 32); wenn dieser Realismus, der das Ende der Dinge wahrnimmt, das einzige ist, dann ist diese eigennützige Lebensmaxime die einzig richtige.
Wann aber ist das Ende der Dinge wirklich so realistisch, daß wir es als „Ende aller Enden“ erfassen können?
Wann ist es soweit, daß wir der Wirklichkeit des Endes mit spöttelnder Selbstgenügsamkeit begegnen dürfen?
Auf diese Frage, auf die Frage nach dem „Wann“ des absoluten Endes antwortete Jesus: „Es gebührt euch nicht, Zeit und Stunde zu wissen, die der Vater in seiner Macht bestimmt hat“ (Apg 1,7). Ja vielmehr spricht er: „Laßt euch nicht verführen. Denn viele werden ... sagen: ... Die Zeit ist herbeigekommen – Folgt ihnen nicht nach!“ (Lk 21, 8)
Die Antwort Jesu ist deutlich: Als Menschen sind wir nicht in der Lage, Zeit und Stunde, Anzeichen und Signale des absoluten Endes wahrzunehmen.
So wurde in der Weltgeschichte – wie eingangs erwähnt - jede apokalyptische Untergangspredigt durch den darauffolgenden Mai Lügen gestraft. Und das gilt nicht nur für „religiöse“ Predigten, sondern auch für die zahllosen politischen, gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Untergangspredigten, die den Menschen die „Zeichen der Zeit“ vor Augen malen und den totalen, apokalyptischen Gehorsam einfordern: „Folgt ihnen nicht nach!“, sagt Jesus.
Wenn wir als Christen wissen, daß wir eben das Wann des Endes nicht wissen können, sondern das Ende mitsamt seinem Wann allein von Gott her erwarten, dann folgt daraus eine – realistisch bleibende - Grundhaltung, die sich deutlich von einem selbstgenügsamen Zynismus unterscheidet.
Als Christen wissen wir, das Leben und Handeln in dieser Welt zu unterscheiden von Leben und Handeln in jener Welt, die wir von Gott her erhoffen: Das bedeutet, daß wir als Christen, letzte und eben vorletzte Wahrheiten unterscheiden. Alles, aber eben auch Alles in dieser Welt gehört zu dem Bereich des Vorletzten. Nichts in dieser Welt kann das Allerletzte garantieren oder verwirklichen: In dieser Welt bleibt es - insofern - immer fünf vor Zwölf! Daraus folgt ein Zweifaches: Erstens: das Allerletzte ist allein in Gottes Verheißung der Überwindung dieser Welt begründet: „Himmel und Erde“ – das biblische Wort für „alles“! - werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht.! (V.33)
Zum zweiten:
Uns Menschen „gebührt“ es deshalb nicht, vorletzte Wahrheiten, Erkenntnisse, oder sogenannte „Sachzwänge“ mit allerletztem Ernst und Eifer zu behandeln.
Überall dort, wo diese Grenze zwischen Letztem und Vorletztem eingerissen oder missachtet wird, haben wir uns zu erheben, zu protestieren gegen die erhobene Unbedingtheit, gegen den Totalitätsanspruch solcher vorletzten Wahrheiten, Erkenntnisse oder „Sachzwänge“.
Wenn diese Unterscheidung eingehalten wird, müssen wir die – realistisch erlebbaren - Apokalypsen dieser Welt nicht zynisch spöttelnd, selbstgenügsam nehmen, sondern können ihnen das entgegensetzen, was uns als Menschen zur Verfügung steht: Nämlich Menschlichkeit!
Menschlichkeit, Humanität, Liebe zum Nächsten, zum Mitmenschen wie zum Mitgeschöpf.
„Himmel und Erde werden vergehen“ - Wer sich bewußt im Vorletzten bewegt, vergießt auch bewußt den berühmten Tropfen auf den heißen Stein;
„Gottes Worte vergehen nicht“ - Wer sich bewußt im Vorletzten bewegt, der kann das trotzige Dennoch des Glaubens wagen, wie es in dem Martin Luther zugeschriebenen Verslein heißt: „Auch wenn ich wüßte, daß morgen die Welt unterginge, würde ich heute ein Apfelbäumchen pflanzen.“
Apfelbäume allerdings kann ich auch pflanzen, ohne die eingangs beschriebene apokalyptische Atmosphäre. So bleibt die Frage: Warum sollten wir uns so einen Predigttext anhören?
Zum dritten
sollte man sich solche apokalyptischen Posaunenklänge anhören als Ausdruck der Hoffnung, „die in uns ist“ (1.Petr 3,15).
Das biblische Wort Apokalypse ist unserer Alltagssprache geläufig; in Funk und Fernsehen, Nachrichten und Filmen wird das Wort häufig verwendet. Es wird gleichbedeutend benutzt mit dem Einläuten des Endes, ja vor allem das Adjektiv „apokalyptisch“ erscheint gleichbedeutend mit furchtbar, grauenhaft, nicht schlimmer ausdenkbar.
Der Predigttext, der ebenso realistisch von schlimmen Zeichen und der menschlichen Reaktion von „bangewerden“, „verzagen“, „fürchten“ und „vergehen“ spricht, sieht das hingegen anders; die Apokalypse ist keineswegs gleichbedeutend mit einem schrecklichen Untergang!
Dort heißt es doch:
28) „Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann steht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.
29) Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an:
30) wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wißt ihr selber, daß jetzt der Sommer nahe ist.“
Die empfohlene Reaktion auf das „Apokalyptische“ scheint sich ganz und gar nicht in das Konzept gängiger Untergangspredigten zu fügen.
Dort wird von „Aufstehen“ geredet, von Kopf hoch!, von „Erlösung“; “ja die Rede ist vom Sommer, der Jahreszeit, auf die man sich freut!
So wie Menschen in Fußballstadien von den Plätzen hochfahren, wenn endlich jemand auf das Tor zustürmt, um das erlösende Tor zu schießen, so auch hier: „steht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht“.
Hier werden die Apokalypsen unserer Welt realistisch gesehen, sie werden gesehen als das Vorletzte, als etwas in dem die Freude auf das Kommende, die adventliche Freude auf das Allerletzte ihren Platz hat: „steht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht“. Warum? Weil – so beschreibt es der Evangelist Lukas mit dem Bild aus dem alttestamentlichen Buch Daniel – „sie den Menschensohn kommen sehen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit.“ (V. 27)
Der „Menschensohn“ gilt in der Bibel als derjenige, der die Geschichte dieser Welt zum Ende, zum Jüngsten Gericht führen soll. Die „Wolke“ auf der er kommen soll, ist keineswegs so eine Art „fliegender Teppich“, sondern ein Symbol für die rettende und heilsame Gegenwart Gottes, wie wir sie etwa aus der Geschichte der Führung des Volkes Israel in der Wüste ihres Lebens durch die „Wolkensäule“ vor Augen haben.
Im Horizont des Kommens des Menschensohnes erwarten wir die rettende Gegenwart Gottes inmitten der Apokalypsen dieser Welt, die wir allzuoft als gottferne „Hölle auf Erden“ erleben.
„Steht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht“; weil das Reich Gottes „nahe ist“. Die Erlösung, die Aufrichtung des Reiches Gottes erhoffen wir durch den Advent Jesu Christi, durch seine Wiederkunft.
Es ist gerade die Hoffnung auf das – so oft in Verruf geratene, als Abrechnung missverstandene - Jüngste Gericht, die unseren Glauben zu einem fröhlichem Glauben verwandelt. Die Hoffnung auf das Jüngste Gericht streckt ihre Häupter aus nach der „Aufrichtung“ von Gottes Gerechtigkeit, danach, daß Christus als der Richter all das Zerbrochene und Unvollkommene dieser Welt wieder „herrichten“ wird.
Die Hoffnung auf das Jüngste Gericht streckt ihre Häupter aus nach der Aufhebung der Zweiseitigkeit dieses Lebens, der Aufhebung des Gegensatzes dessen, was wir in dieser Welt als schön und schrecklich erlebten. Und dann, dann wird Gottes Urteil für alle erfahrbar sein: „Siehe es ist alles sehr gut!“ (Gen 1, 31)
In dieser Hoffnung können wir inmitten all der Apokalypsen dieser Erde, der Menschheitsgeschichte und unseres eigenen Lebens realistisch, menschlich und hoffnungsvoll zugleich bleiben.
Dann können wir uns adventlich gestimmt auf Weihnachten, auf das Kommen Jesu Christi freuen.
Wir dürfen uns daran freuen, daß er damals in Bethlehem in diese Welt kam, daß er Tag für Tag mit seinem Heiligem Geist zu uns Menschen kommt, um Mut und Hoffnung zu verbreiten und wir freuen uns, daß er dann kommen wird, das Reich Gottes für die ganze Welt zu vollenden.
Advent? Das ist die Vorfreude, die wir vorhin im Psalmgebet miteinander aussprachen:
Advent, das ist die Hoffnung, daß
„wir sein werden wie die Träumenden, dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein“ (Ps 126).
In dieser Hoffnung „stehen wir auf und erheben unsere Häupter“ und freuen uns auf die Erfüllung unserer adventlichen Bitte,
HERR Jesu, komm!
AMEN